Die besten Bücher der Saison

Die besten Bücher der Saison

Jede Woche stellen wir hier ein neues Buch vor, dass uns besonders beeindruckt hat. Wir, die digitalen Buchhändler von 24symbols, haben es uns zur Aufgabe gemacht, Sie über Bücher zu informieren, die in aller Munde sind, möchten Sie aber auch mit weniger geläufigen Autoren bekannt machen, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Schauen Sie sich unsere Liste der besten Bücher der Saison an und finden Sie Ihr nächstes Lieblingsbuch. Wir haben natürlich darauf geachtet, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist:

Nebelstreif

Jean-Pierre Rochat, übersetzt von Yla M. von Dach

Rochat überrascht mit einem kurzen, aber heftigen Roman. Nicht nur der Sprachstil ist explosiv, und das schon ab dem ersten Satz, sondern auch die Thematik hat es in sich. Jean Grosjean ist Bauer mit Leib und Seele, aber Scheidung, Unterhaltskosten und Erbauszahlungen haben ihn völlig in den Ruin getrieben. Es ist der Tag der Versteigerung seines gesamten Hab und Guts und während Mobiliar, Geräte und Vieh unter den Hammer kommen, sinnt Jean Grosjean über sein Schicksal nach, das er mit so vielen anderen Bauern teilt.

Brutal und trotzdem rührend, ein Buch, dass einen so schnell nicht loslässt.

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Aliens & Anorexie

Chris Kraus, übersetzt von Kevin Vennemann

In unserer erfolgsorientierten Welt muss man schon Mut haben, um ein Buch übers Scheitern zu schreiben. Genau das hat Chris Kraus getan und es liest sich brillant! Autobiographisch, direkt und einfühlsam beschreibt Aliens & Anorexie die Abwärtsspirale in der sich Kraus Ende der 90er befand, als ihr Filmprojekt glorreich scheiterte und sie nahezu in den finanziellen und persönlichen Ruin trieb.

In dem Versuch, mit ihrem Misserfolg klarzukommen, wendet sich Kraus ihren Vorbildern aus Kunst, Philosophie und Politik zu. So kommen wir in den Genuss einer intelligenten Analyse der Werke und Thesen von Simone Weil, Ulrike Meinhof, Paul Thek und Aldous Huxley. Anspruchsvoll und berauschend zugleich!

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Heimweg

Ernst Geiger

Als ehemaliger Leiter der Wiener Mordkommission kennt sich Ernst Geiger mit Gewaltverbrechen aus. Verbrechen, die ihm auch als Pensionär keine Ruhe lassen, denn Mord verjährt nicht. Seinen ersten großen Fall hat Geiger nun in Romanform verarbeitet: Mit HEIMWEG gibt er dem Leser einen exklusiven Einblick in die Ermittlungsarbeiten der sogenannten Favoritner Mädchenmorde Ende der 1980er Jahre.

Die Handlung wechselt hin und her zwischen dem Zeitraum der Verbrechen und der Wiederaufnahme der Ermittlungen im Jahre 2000. Dabei greift Geiger nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen zurück, sondern lässt auch Täter, Zeugen und Arbeitskollegen zu Wort kommen. So entsteht ein packender Krimi, der die technischen Fortschritte der DNA-Wissenschaft feiert, aber auch zeigt, dass oftmals der Zufall die entscheidenden Beweise liefert.

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Wo das Licht herkommt

Clementine Skorpil

Ein etwas anderer historischer Roman mit faszinierenden Schauplätzen und einer hochinteressanten Geschichte. Philippine flieht aus der österreichischen Provinz, um nicht den sadistischen Seppel heiraten zu müssen. Kein einfaches Unternehmen für ein Mädchen im 18. Jahrhundert und so wird aus Philippine Philipp. Ihr Weg führt sie nach Wien, Rom, Coimbra und schließlich China – immer auf auf der Flucht.

Skorpil nimmt sich viel Zeit für ihre Figuren, statt spannungsreicher Handlung setzt die Autorin auf die inneren Konflikte der Hauptfigur, die zwischen Philippine und Philipp ihre Identität erkundet. Da sie dabei zwischen verschiedenen Zeiten wechselt und eine altertümliche Sprache verwendet, fordert das Lesen ein beträchtliches Maß an Konzentration. Ein wahrer Schmaus für alle, die anspruchsvolle Literatur lieben.

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Vater und ich

Dilek Güngör

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2021.

Es geht Dilek Güngör nicht um Handlung in diesem kaum 100 Seiten umfassenden Buch. Vielmehr untersucht die Autorin Gefühle, auch wenn, oder gerade weil, diese Gefühle schwer in Worte zu fassen sind. Und das soll schon was heißen, denn Ipek, die Protagonistin dieser beeindruckenden Novelle, ist Journalistin, hat Sprache also zu ihrem Beruf gemacht.

Dennoch findet sie nicht die richtigen Worte, als sie ihren Vater für drei Tage besucht. Auch Fragen zu seiner Vergangenheit kommen ihr nicht über die Lippen. Als Gastarbeiter kam er in den 70er Jahren aus der Türkei nach Deutschland, Ipek wuchs in einer deutschen Kleinstadt auf. Die einstige Nähe, die zwischen den beiden herrschte, ist durchs Erwachsenwerden, Sprache und Bildung (eigentlich eine Bilderbuchintegration) abhanden gekommen. Doch trotz mangelnder Kommunikation, sehnen sich Vater und Tochter nach Intimität.

In inneren Monologen sinniert Ipek über ihre Beziehung zum Vater, spricht ihn direkt an und schafft so eine Vertrautheit, die in den kurzen wirklichen Dialogen fehlt. Statt langer Gespräche finden sie über ihr Tun zueinander. Gemeinsam räumen sie auf, kochen, trinken Tee, gestalten einen Alltag, indem sie Hand in Hand arbeiten. Es gibt sie also letztendlich doch, die Handlung in diesem Buch. Wunderbar einfühlsam und reflektiert.

Vater und ich von Dilek Güngör lesen

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Die Welt verdient keinen Weltuntergang

Peter Hamm

Dieses Buch versammelt eine Reihe von Kritiken, Reden und Essays, die zugleich literarische Juwelen sind, und aus der Feder von Peter Hamm stammen, einem wahrhaftigen Phänomen der deutschen Literaturkritik der letzten Jahrzehnte. Kaum einer kann so ins Schwärmen geraten oder so eloquent und gleichzeitig vernichtend sein Urteil verkünden, wie Peter Hamm.

Michael Krüger, Freund des Autors und großer Fan seiner Texte, hat zwei Jahre nach dem Tod Hamms schweren Herzens eine Auswahl aus dem 60 Jahre umfassenden Lebenswerk des Lyrikers und Kritikers getroffen. Unter anderem enthalten sind Beiträge zu Günter Grass, Ilse Aichinger, Martin Walser und Fernando Pessoa.

Die Welt verdient keinen Weltuntergang von Peter Hamm lesen

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Mama

Jessica Lind

Es war einmal ein Liebespaar, das wünschte sich ein Kind. Sie fuhren in den Wald um Platz zu schaffen zwischen sich und den Augen und Ohren der Welt, die zu allem eine Meinung haben. Märchenhaft gestaltet sich Jessica Linds Debütroman, entpuppt sich dann aber als düstere Gruselgeschichte, in der Realität und Traum ordentlich durcheinander gewirbelt werden. Dazu kommt noch eine kritische Auseinandersetzung mit der Mutterrolle und den immensen Anforderungen an Mütter, sowohl von diesen selbst, als auch von der Gesellschaft.

In kurzen, präzisen Sätzen schafft Jessica Lind eine surreale Welt, in der sich Romantik und Horror in den Armen liegen. Ein fantastischer und außerordentlich kluger Genre-Mix den man unbedingt gelesen haben muss!

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Der Charme der langen Wege

Hanno Millesi

Der neue Roman von Hanno Millesi führt uns hinter die Kulissen spektakulärer Kinofilme, in denen nichts ist, wie es scheint. Ein UFO macht sich auf den Weg zurück in seine Heimatgalaxie? Kein Problem für Bert, einer der besten Geräuschemacher seiner Zeit. Mit Flip-Flops sorgt er für genau den richtigen Sound. Er ist wie ein Zauberer, der die Zuschauer in die Irre führt und dessen Tricks man lieber nicht erklärt bekommen möchte. Doch seine sorgsam gestalteten Geräuschkulissen werden von Computern überflüssig gemacht. Zudem verliert Bert nach einem Unfall sein Gehör, ein schwerer Schlag der ihn härter trifft, als alle anderen Zeichen der unaufhaltbar voranschreitenden Zeit.

Es geht um Illusion und Wirklichkeit, um technischen Fortschritt und Nostalgie, Alltagsgeräusche und Stille. Trotz rückwärtsgewandtem Blick ein hoffnungsvoller und humoristischer Roman, der Einblick in ein außergewöhnliches Gewerbe gibt.

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Schweigen ist meine Muttersprache

Sulaiman Addonia

Schon das erste Kapitel von Addonias Exilroman versetzt uns an einen Ort, an dem Grausamkeit und Freude gleichermaßen existieren. Die junge Saba wird in einem sudanesischen Flüchtlingslager beschuldigt, ihren stummen Zwillingsbruder Hagos missbraucht zu haben. In ihrer Abwesenheit beraten die Lagerbewohner über Sabas Vergehen während der Erzähler Jamal ein träumerisches Bild von ihr zeichnet.

Mit viel Blick fürs Detail beschreibt Addonia das Lagerleben, im Mittelpunkt die Geschichte um das Geschwisterpaar Saba und Hagos, deren innige Verbindung die Lagerbewohner zunehmend verstört. Die beiden sind nicht nur unzertrennlich, sondern trotzen auch den traditionellen Rollenbildern der Gemeinschaft. Hagos hilft im Haushalt und Saba, die an Hagos Stelle zur Schule durfte, lässt nichts unversucht, ihre Ausbildung weiterzuführen.

Es ist ein ungewöhnlicher Roman, der Rollenbilder und sexuelle Selbstfindung unter den kritischen Blicken der Lagergemeinschaft beleuchtet. Addonia gelingt es, die allgegenwärtige Gewalt in zaghaften Andeutungen zu schildern, ohne dabei kitschig zu werden oder das Lagerleben zu beschönigen.

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Bonuskind

Saskia Noort

Ein Thriller der es eher ruhig angeht, dafür aber eine gehörige Portion Familiendrama zu bieten hat. Die Mutter der 15-jährigen Lies verschwindet plötzlich. Als ihre Leiche kurze Zeit später auftaucht, glauben alle an Suizid, aber Lies findet sich mit dieser Erklärung nicht ab und ermittelt auf eigene Faust.

Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Lies, dazu kommen hin und wieder Tagebucheinträge der Mutter, die Lies bei ihren Recherchen gefunden hat und die Einblick in schwierige Familienverhältnisse, destruktive Beziehungen und manipulative Machtspielchen geben. So gelingt der niederländischen Bestseller-Autorin ein spannender Spagat zwischen der rebellischen Perspektive eines Teenagers und der wohl überlegten Analyse einer Frau, die so einige Probleme vor ihren Kindern verheimlicht.

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Nevermore

Cécile Wajsbrot, übersetzt von Anne Weber

Fragen über Fragen… In NEVERMORE, dem neuesten Roman der viel geschätzten französischen Schriftstellerin Cécile Wajsbrot, arbeitet eine Übersetzerin an einer französischen Ausgabe des englischen Klassikers TO THE LIGHTHOUSE von Virginia Woolf. Um ungestört arbeiten zu können und sich Woolfs Einsamkeit anzunähern, zieht sie dafür nach Dresden, eine Stadt die von der Zerstörung gekennzeichnet ist.

Auf der Suche nach der richtigen Übersetzung spaziert die Protagonistin nächtens durch die menschenleeren Straßen Dresdens. Ganz im Stile Woolfs, reflektiert sie dabei in einem ununterbrochenen Bewusstseinsstrom über den Lauf der Zeit, Vergänglichkeit, Vergessen und Erinnern. Begleitet wird sie hierbei von der Erscheinung einer toten Freundin, ebenfalls Übersetzerin. Ein grandioser Roman, der verstört und rührt, philosophiert und analysiert, dabei aber nie aufgesetzt wirkt. Das liegt auch an der großartigen Übersetzung Anne Webers (Deutscher Buchpreis 2020 für ANNETTE, EIN HELDINNENEPOS).

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Der Schwedenschimmel

Carmen Mayer

Die Ingolstädter Autorin Carmen Mayer hat sich schon in ihren Romanen DIE TROSSFRAU und DAS AWAREN-AMULETT intensiv mit dem Dreißigjährigen Krieg auseinandergesetzt. Das Thema scheint sie nicht loszulassen und so folgt nun mit DER SCHWEDENSCHIMMEL ein weiterer bewegender Roman, der Sie mitten in den Dreißigjährigen Krieg versetzt.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund des Angriffes des schwedischen Königs Gustav Adolf auf Ingolstadt lernen wir Thomas und Rosa kennen. Thomas steht im Dienst des Hauptmanns Leonhart Seitz vom Walde und lernt dort eine Welt kennen, die nie die seine sein wird. Zu gern würde er dem Bauernmädchen Rosa mehr bieten können, doch ihm ist klar, dass gewisse Ungleichheiten unüberwindbar sind. Es geht um die Geschichte von Thomas und Rosa, um Träume, Verzweiflung, Rache und Hass, vor allem aber auch um die große Liebe.

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Mars

Asja Bakić, übersetzt von Alida Bremer

In ihrem Erzählband schafft Asja Bakić dystopische, bizarre Welten mit ausschließlich weiblichen Protagonisten, die sich in skurrilen Situationen ohne jegliche Anleitung zurechtfinden müssen. Die zehn Geschichten überzeugen nicht nur durch originelle Handlungsstränge und Bakićs geradezu magischer Sprachgewalt, die Autorin versteht es auch, feministische Anliegen zu übermitteln, ohne dabei den Finger zu heben. Ein wiederkehrendes Thema ist die Kraft der Literatur, ob Autorinnen schreiben müssen, um der Hölle zu entkommen oder wegen ihrer Bücher auf Mars verbannt werden – immer wieder betonen die Geschichten den Stellenwert von SchriftstellerInnen und ihrer Fantasie. Ein Grund mehr für alle Literaturliebhaber, dieses kurze, aber eindrucksvolle, Büchlein zu lesen!

Mars von Asja Bakić lesen

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Schnittbild

Anna Felnhofer

Mit großem Sprachgefühl erzählt Anna Felnhofer Abschnitte aus den Leben von drei Menschen, die scheinbar nur deshalb in Verbindung stehen, weil sie alle Patienten bei derselben Therapeutin sind, bzw. waren. Es verbindet sie außerdem die Tatsache, dass sie Traumata überwinden müssen, auch wenn das nicht immer erfolgreich klappt. Jeder hat seine eigene Art mit dem Erlebten umzugehen und natürlich hat jeder auch eine ganz eigene Beziehung zu der Therapeutin.

Doch was passiert, wenn die Person, die helfen soll, selber Hilfe braucht? Im letzten Kapitel lernen wir die Therapeutin kennen und sehen, dass auch sie mit Dämonen kämpft. Ein einfühlsamer Roman, der in Tiefen unserer Psyche taucht und dabei viele Fragen aufwirft.

Schnittbild von Anna Felnhofer lesen

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Herr Oluf in Hunsum

Christopher Ecker

Der neue Roman von dem vielfach ausgezeichnetem Autor Christopher Ecker hat es in sich. Als Philosophie Professor kennt sich Herr Oluf Sattler mit Dilemmata, die keine richtige Antwort erlauben, aus, doch im Privatleben hilft ihm das leider wenig weiter. Obwohl die Ehe bröckelt und er zu Hause gebraucht wird, fährt er auf einen Kongress in den Norden Deutschlands. Am Anfang noch von Gewissensbissen geplagt, lenkt er sich schnell ab, dafür holen ihn aber andere unterdrückte Erinnerungen ein.

Es geht um Schuld und Sühne, allerdings nicht im Dostojewskischen Sinne. Vielmehr findet sich Herr Oluf ohne eigenes Zutun in Unglück und Mord verstrickt und es ist die Frage, wie er mit seiner eigenen Verantwortung in diesen Situationen umgeht. HERR OLUF IN HUNSUM ist keine leichte Kost, aber wer dem Buch seine volle Aufmerksamkeit schenkt, wird hoch belohnt.

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Hotel Weitblick

Renate Silberer

Vier Spitzenkräfte, drei Männer und eine Frau, kämpfen in einem Auswahlseminar um den Führungsposten einer Werbeagentur. Sie alle definieren Erfolg und Glück durch ihren Beruf und haben ihr Privatleben der Karriere untergeordnet. Der Seminarleiter soll eine Empfehlung für den geeignetesten Kandidaten abgeben, ist aber viel mehr daran interessiert, sie aus ihrem Hamsterrad zu befreien.

Eine psychologische Analyse, die einen Bogen von der NS-Pädagogik zur heutigen Leistungsgesellschaft schlägt. Das mag einem anlässlich der gegenwärtigen Helikopter-Eltern-Diskussion überholt vorkommen, ist aber in Bezug auf die Nachkriegsgeneration hochinteressant. Dass Silberer selbst Pädagogin ist, kommt dem Text ungemein zugute, das heißt aber nicht, dass ihre Botschaft mit erhobenen Zeigefinger daherkommt. Im Gegenteil, die Leser, vor allem Eltern, werden dazu angeregt, selbst über (fehlendes) Grundvertrauen und unbedingte Elternliebe nachzudenken.

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Die kalte Stadt 

Ralph Roger Glöckler

Zum 70. Geburtstag des Autors hat der Größenwahnverlag Ralph Roger Glöcklers Debütnovelle neu aufgelegt. Erstmals erschienen im Jahr 1987, schockiert das sich über knapp hundert Seiten ziehende homosexuelle Beziehungsgeflecht heute sicher keinen mehr. Dennoch ist die Lektüre absolut empfehlenswert, nicht nur als postmoderner Roman, der die Figuren des Erzählers und Autors spielerisch in den Text mit einbezieht, sondern auch als Analyse männlichen (menschlichen) Gefühlschaos. Eine Beziehung fürs Leben oder doch lieber unverbindlicher Sex? Begleiten Sie fünf Männer (Erzähler und Autor ausgenommen) deren Wege sich kreuzen und trennen und verirren Sie sich im Liebeswirrwarr ihrer Ängste und Sehnsüchte. Der distanzierte Erzähler rundet das Ganze zu einem unvergesslichen Leseerlebnis ab.

Die kalte Stadt von Ralph Roger Glöckler lesen

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Der USB-Stick

Jean-Philippe Toussaint, übersetzt von Joachim Unseld

Ein intelligenter Thriller mit einem durchschnittlichen Helden, der einen internationalen Betrug von Cyberkriminellen aufdecken will. Jean Detrez ist Zukunftsexperte bei der Europäischen Kommission, stellt aber bei jeder Gelegenheit klar, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist, erst recht nicht die von einzelnen Individuen. So ist es auch nicht allzu verwunderlich, dass er sich selbst – entgegen besseren Wissens – in einen Betrugsskandal verstrickt. Auch wenn die technischen Beschreibungen etwas kürzer ausfallen könnten, liest sich das Buch gut und schnell. Toussaint befasst sich mit aktuellen Themen und macht klar, dass neue Technologien immer auch Gefahren mit sich bringen. Vor allem ist das Buch aber ein psychologisches Porträt eines Mannes, der sich selbst fremd geworden ist.

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Mado

Wolfgang Franßen

Ein Roman, der es in sich hat! Schon im ersten Kapitel wird der Leser Zeuge einer brutalen Szene, die einen so schnell nicht mehr loslässt. Mados Leben ist eine Spirale der Gewalt und Gewalt ist auch ihr einziges Mittel, um einen Ausweg zu finden. Als ihr Freund sie in seiner Wohnung einsperrt und wie sein Eigentum behandelt, erschlägt sie ihn eines Abends im Drogenrausch und taucht daraufhin bei ihrer Großmutter unter, die selbst eine kriminelle Vergangenheit hat. Mado will eigentlich nur eins, ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich nicht nach anderen richten müssen. Wut ist ihre Antriebskraft und diese Kraft gibt ihr (und dem Leser) Hoffnung auf ein selbstständiges Leben, das sich ihrem zerstörerischen Umfeld entzieht.

Eine verstörende und eindrucksvolle Milieustudie, die trotz allem Unglück Mut macht.

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Du bist dran

Mieze Medusa

Ein hochaktueller Roman über drei Menschen verschiedenen Alters, die nichts gemeinsam zu haben scheinen, aber doch irgendwie zueinander finden. Seinen Platz im Leben zu finden, ist nicht nur eine Frage des Alters, das macht Mieze Medusa in ihrem neuen Roman deutlich. Die drei Hauptfiguren Agnesa (18), Eduard (Mitte 40) und Felicitas (69) könnten unterschiedlicher nicht sein und doch führt das Schicksal sie zusammen.

Dabei lässt Mieze Medusa jede der Figuren ihre Weltanschauung in inneren Monologen kundgeben, so dass einem alle drei, sonderliche Eigenarten inklusive, ans Herz wachsen. Dass Medusa eine der bedeutendsten Poetry-Slammerin Österreichs ist, kommt dem Roman ungemein zu Gute, immer wieder hält man inne, um sich einen Satz noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen. Literatur für jung und alt!

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Weiter als der Ozean

Carrie Turansky

Wenn Sie von einem Historienroman erwarten, dass er lehrreich und mitreißend sein sollte, dann ist der ersten Band dieser neuen Serie von Carrie Turansky genau das Richtige für Sie. Die US-amerikanische Bestsellerautorin nimmt sich einem eher unbekannten Thema der britisch-kanadischen Geschichte an: Zwischen 1869 und 1939 wurden über 100.000 britische Waisenkinder mit dem Versprechen auf ein besseren Leben nach Kanada geschickt, wo sie als günstige Arbeitskräfte empfangen wurden. Etliche dieser Kinder waren keine Waisen, so auch die drei jüngeren Geschwister der Protagonistin dieses Romans. Als Laura erfährt, dass ihre Geschwister nach Kanada gebracht worden sind, setzt sie Himmel und Hölle in Bewegung, um sie wieder zurück zu holen.

Indem Turansky dieses fast vergessene Stück Geschichte in ihrer neuen Serie unter die Lupe nimmt, macht sie dem Genre des Historienromans alle Ehre.

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Die Kunst der Bestimmung

Christine Wunnicke

Spätestens seit Christine Wunnicke letztes Jahr knapp am Deutschen Buchpreis vorbeigeschrammt ist, dafür aber den Wilhelm Raabe-Literaturpreis eingeheimst hat, ist sie in aller Munde. Da kommt es gerade recht, dass der Albino Verlag DIE KUNST DER BESTIMMUNG neu aufgelegt hat. Das erstmals 2003 erschienene Buch war lange Zeit vergriffen und ist nun, sehr zu unserer Freude, auch als E-Book erhältlich.

Wer Christine Wunnicke kennt, weiß sie für ihre lapidare und humorvolle Prosa zu schätzen und wird auch bei diesem Buch auf seine Kosten kommen. Der schwedische Professor Chrysander kommt im Jahr 1678 nach London, um Ordnung in die Sammlung der Royal Society zu bringen. Dort trifft er auf Lord Fearnall, einen exzentrischer Gentleman, dessen Lebensstil das absolute Gegenteil von Chrysanders Ordnungsliebe verkörpert, der sich von dem Professor aber sofort angezogen fühlt. Auch Chrysander verfällt dem Charme des vielseitigen Lords, der sich in keine Schublade stecken lässt.

Skurrile Hauptfiguren, absurde Dialoge, noch nie war ein Historienroman so unterhaltsam und literarisch.

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Waltauchen

David Bröderbauer

Einfühlsam erzählt David Bröderbauer in seinem zweiten Roman von Männlichkeit, Rollenbildern und dem Kinderwunsch seiner namenlosen Hauptfigur. Dieser lässt beim Urologen seine Zeugungsfähigkeit prüfen und versinkt dabei in Kindheitserinnerungen und Reflexionen über die Gegenwart, anstatt in seinen Plastikbecher zu onanieren.

Mit Waltauchen ist Bröderbauer ein origineller Roman übers Erwachsenwerden gelungen und das bezieht sich nicht nur auf die Rahmenhandlung, sondern auch auf den Schreibstil. Mal aus der ersten, mal aus der dritten Perspektive erzählt, wechselt der Roman zwischen Perfekt und Präsens und verleiht der inneren Gefühlswelt des jungen Mannes mit lebhaften Bildern Ausdruck. Seine Faszination fürs Apnoetauchen dient dem Buch dabei als Metapher für ein Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit, sowie als Taktgeber: Ruhig und unaufgeregt zieht uns Bröderbauer mit dieser Geschichte in seinen Bann. Absolut empfehlenswert!

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Nil

Anna Baar

Ein poetischer Roman bei dem man jeden zweiten Satz markieren könnte, so schön und tiefgründig schreibt Anna Baar. Der mittlerweile dritte Roman der in Zagreb geborenen Autorin kommt zwar auf nur knapp 150 Seiten, ist aber große Literatur. Zum Inhalt? Die Schreiberin einer Fortsetzungsstory muss ihre Geschichte auf Druck des Chefredakteurs in der nächsten Folge zu Ende bringen. Was banal klingt ist für Baar ein Aufhänger, um sich mit der Kunst des Schreibens, Erzählens und Erinnerns auseinanderzusetzen. Fiktion und Realität verschwimmen in NIL und der Leser gerät in einen Strudel aus Selbstreflexion, der keine Nabelschau ist, sondern allgemeingültige Fragen behandelt (Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?) und gleichzeitig ganz individuelle, dunkle Traumata verarbeitet.

Die verschiedenen Ich-Erzähler vermischen sich, teilen Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste. Das ist zwischendurch schwindelerregend, doch wer sich auf NIL einlässt und sich vom Erzählfluss mitreissen lässt, erlebt einen hochliterarischen Roman mit eindrucksvollen Bildern, den man gut mehrmals lesen kann.

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Lux

Olivia Kuderewski

Selbst die Biografie der Autorin macht Lust auf mehr, denn wer betont schon freiwillig, dass er noch keinen Preis gewonnen hat? Bei einem Debütroman ist es kaum verwunderlich, wenn noch keine Auszeichnung vorzulegen ist, wir sind uns aber sicher, dass diese für Olivia Kuderewski bald folgen. Denn LUX ist ein Erstlingswerk, dass es in sich hat! Das liegt nicht nur an der Sprachgewalt der Autorin, sondern auch an der Thematik des Buches.

Ein Roadtrip von der Ost- zur Westküste der USA klingt nach Freiheit und Abenteuer – der amerikanische Traum schlechthin. Doch Lux muss feststellen, dass ihre Erwartungen kläglich an der Realität scheitern. Als sie Kat kennen lernt, scheint es kurz so, als würde sich alles zum Guten wenden, doch so einfach ist das natürlich alles nicht. Ganz im Gegenteil, die beiden entwickeln eine extrem toxische Beziehung und trotzdem mag man das Buch nicht aus der Hand legen, um dem selbstzerstörerischen Sog der beiden entkommen. Eine dramatische Lektüre, die einen nicht so schnell loslässt.

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Buch lesen

Jeden Tag erhalten wir Tausende von neuen Büchern und wählen sorgfältig diejenigen aus, von denen wir glauben, dass sie Sie am meisten interessieren werden. Unser Rezept? Ein großartiges Buch sollte den Leser in seinen Bann ziehen, ihm Neues zeigen und zum Nachdenken anregen. Ein Buch ist wie eine Tür zu einer anderen Welt, beim Lesen entdecken wir verschiedene Perspektiven und erweitern unseren Horizont. Ein Buch kann eine Person verändern, aber lassen Sie sich nicht täuschen, denn genau wie Edmund Wilson sagte: „Keine zwei Personen lesen je dasselbe Buch.“ Und das ist eine noch so eine schöne Sache an Büchern, es gibt immer Raum für Interpretation, Phantasie und angeregte Diskussionen. Deshalb laden wir Sie ein, die von Ihnen gelesenen Bücher zu kommentieren, sie Ihren Freunden zu empfehlen und sie mit anderen digitalen Lesern auf 24symbols zu besprechen.

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